Musik aus Kloster Petershausen

Der Verein Petershauser Orgelkultur e.V. unter der Leitung unseres Ehrenvorsitzenden Wolfgang Müller-Fehrenbach plant nach der Installation einer cortenstählernen Nachbildung des Petershauser Himmelfahrtportals im Jahr 2018 und der für 2021 anvisierten Wiedersichtbarmachung der Grundmauern der ehemaligen Klosterkirche Petershausen nun einen weiteren Coup: Für eine Teilnahme an den von der Projektgemeinschaft Inspiration Bodensee - Kirchen, Klöster, Weltkultur in der Vierländerregion initiierten Klostererlebnistagen Bodensee, die vom 8. bis 11. Oktober 2020 rund um den See stattfinden werden, möchte Wolfgang Müller-Fehrenbach auch die im Kloster Petershausen komponierte und aufgeführte Musik in den Fokus des Interesses rücken. Anhand einer Recherche in der Datenbank MGG Online (Die Musik in Geschichte und Gegenwart) und eines Artikels des in Konstanz geborenen Freiburger und Mainzer Musikwissenschaftlers Manfred Schuler (1931–2001), konnten bis jetzt zwei Musiker und Komponisten unter den Benediktinerpatres der ehemaligen Reichsabtei Petershausen namhaft gemacht werden: Alphonsus Albertin (1736–1790) und Aemilian Kayser (1749–1831).

Nach den Recherchen Manfred Schulers wurde Alphonsus Albertin 1736 in Zürich geboren, wuchs als Findelkind jedoch bei dem Rauchfangkehrer Anton Paulus Albert(in) in Konstanz auf. In noch jugendlichem Alter fand der musikbegabte Alphonsus Aufnahme ins Kloster Petershausen, legte 1753 die Profess ab und wurde 1769 zum Priester geweiht. 1779 übertrug ihm der Abt das Amt des Regens Chori und des Musikdirektors. Alphonsus Albertin starb 1790 im Kloster Petershausen. Außer einer Sonate in D-Dur für 4 Orgeln, 4 Clarini, vier Hörner und Pauken (Signatur: 55,51) ist von Alphonsus Albertin auch eine Messe in D-Dur für Soli, Chor und Orchester (Signatur: 379,11) überliefert. Erhalten sind die Manuskripte im Musikarchiv des Benediktinerklosters Einsiedeln, einer Abteilung der Stiftsbibliothek, wo sie Wolfgang Müller-Fehrenbach, Martin Weber, Alfred Greis und Silke Schöttle am 27. Februar 2020 unter fachkundiger Beratung von Pater Lukas Helg OSB, Klosterbibliothekar und Stiftskapellmeister im Ruhestand, in Augenschein nehmen durften.

Bei der Sonate für 4 Orgeln handelt es sich um ein Werk im Stil einer Intrada, vorgesehen als Allegro Maestoso, die für das Osterfest 1787 geschrieben wurde. Die erste Orgel nimmt eine dominierende Stellung ein. Bläser und Pauken „geben der Sonata festlichen Glanz“. Manfred Schuler beurteilte das Werk hinsichtlich seiner Besetzung zwar als „Unikum“, verwies jedoch auch darauf, dass das Spiel auf mehreren Orgeln in Oberitalien musikgeschichtlich vielfach nachgewiesen sei und sich in der Stiftsbibliothek Einsiedeln weitere Sonaten für mehrere Orgeln erhalten hätten, komponiert von dem Einsiedler Konventualen und späteren Abt Marianus Müller (1724–1780). Es ist davon auszugehen, dass über die Einsiedler Niederlassung in Bellinzona und das Klosternetzwerk der Benediktiner oberitalienischer Musikgeschmack und entsprechender Einfluss auch nach Petershausen gelangten. Aufgrund der außergewöhnlichen Besetzung mit vier Orgeln vermutet Schuler, dass Alphonsus Albertin die Sonate als Auftragswerk für Kloster Einsiedeln verfasste, verfügte doch die dortige von 1719 bis 1735 erbaute Klosterkirche im 18. Jahrhundert tatsächlich über vier Orgeln. Von der 1832 abgebrochenen Klosterkirche Petershausen ist nach ersten Recherchen bekannt, dass sie jedenfalls zur Zeit Ihres Abbruchs nur über zwei Orgeln verfügte. Die Petershauser Handschrift der Orgelsonate könnte aber auch deswegen nach Einsiedeln gelangt sein, weil die Stiftsbibliothek nach der Säkularisation – glücklicherweise – in beträchtlichem Umfang das Notenmaterial der aufgehobenen Klöster Süddeutschlands aufkaufte. Unter anderem befindet sich seit 1824 fast das gesamte Notenmaterial des Klosters Weingarten in der Obhut des Einsiedler Musikarchivs.

Martin Weber, Kirchenmusiker an St. Gebhard, hat die äußerst aufwändige Übertragung der Albertin’schen Messe für Soli, Chor und Orchester in D-Dur mit weit über einhundert Seiten in ein modernes Notensystem in den letzten Wochen bereits in Angriff genommen. Nach so viel Arbeit hofft er, das Werk in einer Verlagsedition auch einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich machen zu können. Für die Orgelsonate gibt es schon eine spielbare Transkription aus den 1960er Jahren. Eine Aufführung beider Werke wäre somit möglich. Und so dürfen wir uns alle darauf freuen, dass in hoffentlich naher Zukunft und nach Überwindung der aktuellen Corona-Pandemie, deren zeitliche Dimension freilich ungewiss ist, Messe und Orgelsonate des Petershauser Benediktiners Alphonsus Albertin nach rund 230 Jahren wieder am Ursprungsort erklingen werden. Die lange und tiefe Beziehung zwischen den Benediktinerklöstern Einsiedeln und Petershausen würde so auf besondere Weise wiederbelebt werden – waren es doch Einsiedler Mönche, die bei Gründung des Klosters Petershausen um das Jahr 983 den Konvent erstmals besiedelten.  

Zusätzlich zu den Werken von Alphonsus Albertin hatte Pater Lukas Helg OSB für uns auch rund dreißig Musikmanuskripte anderer Komponisten bereitgelegt, die einst im Besitz des Klosters Petershausen gewesen oder dort zur Aufführung gekommen waren, darunter Werke von Johann Baptist Vanhal (1739-1813), Anton Adam Bachschmidt (1728-1797), Cajetan Vogel (um 1750-1794), Carl Ditters von Dittersdorf (1739-1799) und Joseph Haydn (1732-1809). Viele dieser Stimmen und Partituren waren im Besitz des zweiten uns bekannten Petershauser Komponisten des 18. Jahrhunderts Aemilianus Kayser. Er wurde 1749 in Oberndorf am Neckar geboren und legte 1768 die Profess in Petershausen ab. Am 18. April 1773 wurde er zum Priester geweiht. 1781 hielt er sich zu Studien in Eichstätt auf. Immer wieder besuchte er die Klöster in Einsiedeln und Weingarten. In Petershausen war er über die Aufhebung des Klosters hinaus als Chorregent und Organist tätig. Fast sechzigjährig erlebte er den Niedergang der Reichsabtei und die langsame Auflösung des Konvents, die ihn in vielfacher Weise ganz persönlich betraf. 1807 etwa gestand ihm auf seinen Antrag hin das Generalvikariat zu, trotz des in der Profess abgelegten Armutsgelübdes Erbschaften und Schenkungen annehmen und über seine Eigentumsrechte selbst verfügen zu dürfen. Aemilianus Kayser starb am 20. Dezember 1831 in Petershausen und wurde auf dem Schottenfriedhof der Stadt begraben. Von ihm ist das Fragment einer Messe in F-Dur in der Manuskriptensammlung des  Zisterzienserinnenklosters Mariengarten in St. Pauls in Südtirol (Signatur: No 23) überliefert sowie ein Offertorium für Chor, Orchester und Orgel Huc gentes properate in D-Dur, das sich in der Musikbibliothek der Benediktinerabtei Disentis in Graubünden (Signatur: ML 1771 Ms. 13416) befindet und bereits teilweise veröffentlicht wurde.

Quellen:

EAF Erzbischöfliches Archiv Freiburg, A 1 Generalia Bistum Konstanz, A1 1151.

EAF Erzbischöfliches Archiv Freiburg, Ha Handschriften, Ha 641.

Walter Kreyszig: Schuler, Manfred. In: MGG Online, hg. von Laurenz Lütteken, Kassel et al. 2016ff., zuerst veröffentlicht 2006, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/25516.

Manfred Schuler: Alphonsus Albertin, Sonata D-dur für vier Orgeln, vier Clarini, vier Hörner und Pauken. Ein Beitrag zur süddeutschen Orgelmusik in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Christoph-Hellmuth Mahling/Sigrid Wiesmann: Bericht über den Internationalen Musikwissenschaftlichen Kongress Bayreuth 1981, Kassel 1984, S. 344-347.

Hermann Ullrich: Kayser, Aemilian OSB. In: MGG Online, hg. von Laurenz Lütteken, Kassel et al. 2016ff., zuerst veröffentlicht 2003, online veröffentlicht 2016, https://www.mgg-online.com/mgg/stable/27924.

RISM: https://opac.rism.info (Internationales Online-Portal mit Katalog für Musikquellen: Répertoire International des Sources Musicales).

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